Pendlertag: Zurück in die Heimat

Eigentlich soll der diesjährige Pendlertag in der Amstädter Stadthalle stattfinden. Kurzfristig entscheidet sich die ThAFF für eine rein virtuelle Austragung. Zufrieden mit der Resonanz ist man trotzdem.

Arnstadt — „Auch wenn sich die Zahl von fünf nicht nach viel anhört, wir sind zufrieden. Wir hatten sehr gute Gespräche und haben uns viel Zeit für jeden Einzelnen genommen. Jedes Gespräch dauerte zwischen 30 und 45 Minuten", zieht Andreas Knuhr, Teamleiter bei der Thüringer Agentur für Fachkräftegewinnung (ThAFF), eine positive Bilanz des Pendlertags vom vergangenen Freitag. Eigentlich sollte dieser ja sowohl in der realen wie in der virtuellen Welt stattfinden, doch dann machte der erneute Lockdown einen Strich durch die Rechnung.
Statt sich in der Arnstädter Stadthalle gemeinsam mit Partnern wie der Industrie- und Handelskammer, der Handwerkskammer, der Agentur für Arbeit, der Wirtschaftsförderung von Stadt und Kreis, dem Regionalmanagement Dm-Kreis/Gotha, der Initiative Erfurter Kreuz und der Parität zu präsentieren, entschied sich die ThAFF, die bei der Landesentwicklungsgesellschaft angesiedelt ist, kurzfristig für eine rein virtuelle Austragung des Pendlertags. Ursprünglich war das Angebot von Video- und Telefonchats vor allem als Ergänzung gedacht. Doch Erfahrung hat die ThaFF mit diesem neuen For-mat in diesem Jahr schon zwangsweise reichlich gesammelt. Nur drei Pendlertage konnten Anfang des Jahres noch analog stattfinden, danach musste man Coronabedingt ins Netz ausweichen.

Vielfältige Gründe

Die Veranstaltungen richten sich an Berufspendlerinnen und -pendler und an all jene, die das Land mangels beruflicher Perspektiven einst verlassen haben. Ihnen möchte die ThAFF zeigen, dass sich mittlerweile in der Thüringer Wirtschaft interessante Berufs- und Karrierechancen ergeben. „Die Gründe, warum Menschen zurückkommen wollen, sind vielfältig", weiß Andreas Knuhr. „Da geht es um die Pflege der Eltern, oder man hat ein Haus geerbt oder es zieht sie einfach zurück in die Heimat. Jetzt kommt noch hinzu, dass man wegen Corona in Kurzarbeit musste oder vielleicht den Job verloren hat." Auch Freitag erlebten er und seine zwei Mitarbeiter am Computer und am Telefon ganz unterschiedliche Lebensgeschichten.
„Wir hatten verschiedene Alters-gruppen und Berufe dran", erzählt Andreas Knuhr. So habe sich zum Beispiel ein Paar, das bisher weltweit unterwegs war, für die Rückkehr in den Ilm-Kreis interessiert. „Sie haben in verschiedenen Ländern gelebt und gearbeitet, unter anderem in Neuseeland. Der Mann stammt aber aus dem Ihn-Kreis und möchte nun zurück. Seine Frau kommt aus Polen", so Knuhr.
In einem anderen Gespräch war ein junger Mann in der Leitung, der in der IT-Branche einen Job sucht. „Gern im Bereich der Kundenbetreuung", wie Andreas Knuhr erfahren hat. Auch ein 43-Jähriger, der aktuell in München zu Hause ist, meldete sich. „Er hat eine Leitungsfunktion in der IT-Branche und sucht nun etwas Passendes in der Region Arnstadt", sagte Andreas Knuhr. „Bisher hatte sich da noch nichts ergeben. Wir konnten jetzt noch einmal Mög-lichkeiten nennen, die er bisher nicht auf dem Schirm hatte."

Zahlreiche Partner

Auch wenn die ThAFF an ihrem Pendlertag keinen Job vermitteln kann, gibt sie doch wichtige Tipps, wo man fündig werden könnte. „Wir verweisen zum Beispiel auf unsere Stellenbörse, die rund 3600 Stellenangebote hat", sagt Andreas Knuhr. „Auch wer dort nicht gleich fündig wird, kann seine Bewerbung einstellen und wird dann informiert, wenn etwas Passendes reinkommt." Auch auf Plattformen, wie die der Initiative Erfurter Kreuz, machten die ThAFF-Mitarbeiter aufmerksam.
„Wir haben auf unsere Netzwerkpartner hingewiesen und deren Kontaktdaten weitergegeben oder werden im Nachgang, wenn die Interessenten das wünschen, ihre Daten an unsere Partner übermitteln", erklärt Andreas Knuhr. Denn er weiß auch, oft drehen sich die Fragen der Rückkehrwilligen nicht nur um die Arbeitsplatzsuche. „Da geht es auch um eine Stelle für den Partner, um Wohnraum, Baugrundstücke oder Kindergarten und Schule." Mithin es geht um Themen, wo häufig die Kommunen Ansprechpartner sind. Zudem haben sich die ThAFF-Leute am Freitag die Bewerbungsunterlagen angeschaut. „Da sind wir Blatt für Blatt durchgegangen und haben Tipps gegeben, was man noch besser machen kann", so Knuhr.

Wachsendes Interesse

Pro Jahr ist die ThaFF auf 250 bis 300 Veranstaltungen, zum Beispiel auch auf Messen und Jobbörsen, unterwegs, um für Leben und Arbeiten in Thüringen zu werben. Die Erfahrung lehrt den Teamleiter, rund um die Pendlertage nimmt das Interesse an der ThAFF und ihrer Arbeit zu. „Da hilft uns die mediale Berichter-stattung und die Mund-zu-Mund-Propaganda. 2019 hatten wir im 30-Tage-Schnitt 170 Bewerbungen auf unserer Intemetseite, rund um die Pendlertage aber ging es auf 220 bis 230 hoch", sagt Andreas Knuhr.
Nicht zuletzt deshalb hofft er, dass im kommenden Jahr die Pendlertage wieder analog stattfinden können. So gut das virtuelle Angebot auch sei, direkte persönliche Gespräche seien mindestens genauso wichtig, meint er. Ob man im Ilm-Kreis dann, wie bei der ersten Auflage im letzten Jahr, wieder nach Ilmenau ins Technologie- und Gründerzentrum gehe oder den Tag in Arnstadt nachhole, sei die Entscheidung der lokalen Partner, so Knuhr, sprich des Landkreises und der Städte.

Pendler in Zahlen

  • Im vergangenen Jahr zogen 81 526 Menschen aus Thüringen fort, während 84 898 in den Freistaat zogen. Auch der Ilm-Kreis hat ein positives Wanderungssaldo. 4543 Weg-zügen stehen 4824 Zuzüge gegen-über.
  • 123 954 Thüringerinnen und Thüringer pendeln zum Arbeiten in an-dere Bundesländer. Die meisten nach Bayern (30 074), Hessen (20 971), Sachsen (21 802) und Niedersachsen (13 756).
  • Im Ilm-Kreis wohnen 42 638 sozi-
  • alversicherungspflichtig Beschäftigte. Von ihnen pendeln täglich 15 379 Menschen, das sind 6,1 Prozent der Beschäftigten, in andere Regionen Thüringens. Die meisten nach Erfurt (5190), in den Landkreis Gotha (1736), nach Suhl (959) und in den Kreis Saalfeld-Rudolstadt (884).
  • Zum Arbeiten in den Ilm-Kreis kommen 11 113 Menschen. Das sind 29,0 Prozent der hier arbeitenden Menschen. Die meisten kommen aus Erfurt (3081), Gotha (1901) und Saalfeld-Rudolstadt (1066).

Quelle: ThAFF

(Quelle: Freies Wort, 09.11.2020)